Die Zukunft der Landwirtschaft? Urban Farming - Definition und Beispiele
2025-08-12T08:36:00+02:00
Die moderne Landwirtschaft benötigt weltweit eine Fläche, die der Größe Südamerikas entspricht. Dazu verbraucht der Anbau von Obst und Gemüse rund 70 Prozent des verfügbaren Trinkwassers. Weiterhin nimmt die Fruchtbarkeit der Böden rapide ab, was zu Ernteverlusten führt. Urban Farming gilt als Lösung, um Lebensmittelproduktion in der Stadt zu betreiben und die Weltbevölkerung ernähren zu können. Was steckt dahinter?
Urbane Landwirtschaft: Konzept mit Tradition
Landwirtschaft im städtischen Umfeld ist keine neue Erfindung. Man denke nur an die Schrebergärten in Deutschland, die im frühen 19. Jahrhundert populär wurden.
Auch in den USA erfreuen sich seit den Siebzigerjahren sogenannte „Community Gardens“ großer Beliebtheit. Zu den berühmtesten Community Gardens zählt der Clinton Community Garden in Manhattan. Er wurde 1984 zum öffentlichen Park erklärt.
Definition Urban Farming und Urban Gardening: Was sind die Unterschiede?
Wenngleich Urban Farming und Urban Gardening oft synonym verwendet werden, so handelt es sich dabei um zwei unterschiedliche Konzepte des Anbaus von Pflanzen und Nahrungsmitteln in städtischen Umgebungen.
Der Begriff Urban Gardening bezieht sich nur auf den Anbau von Kräutern, Gemüse, Obst sowie Blumen für den Eigenbedarf und ohne kommerzielle Absichten. Oft wird das innerstädtische Gärtnern als Hobby, zur Stärkung des Gemeinschaftsgefühls oder zu Bildungs- und Verschönerungszwecken ausgeübt.
Urban Farming hingegen zielt auf eine kommerzielle Lebensmittelproduktion ab. Der Anbau von Nutzpflanzen und die Tierhaltung im urbanen Raum sollen dabei helfen, eine stetig wachsende Weltbevölkerung zu ernähren. Brach- und Grünflächen, Hausdächer und Hauswände und sogar komplette Gebäude werden als landwirtschaftliche Flächen genutzt.
Welche Technologien werden in der urbanen Landwirtschaft genutzt?
Vertical Farming
Vertical Farming bezeichnet den Anbau von Nutzpflanzen wie Salat, Blattgemüse, Kräutern und Speisepilzen in Hochregalen. Vielfach werden für diese populäre Variante der Urban Agriculture leerstehende, mehrstöckige Industrie- oder Bürogebäude genutzt, um pro Quadratmeter maximal viele Lebensmittel anzubauen. Die Beleuchtung erfolgt vorwiegend mit speziellen LED-Lampen, mitunter kombiniert mit natürlichem Licht.
Der Anbau der Nutzpflanzen erfolgt in hydroponischen oder aeroponischen Systemen. Die Pflanzen wurzeln nicht in der Erde, sondern erhalten die benötigten Nährstoffe über das Wasser (hydroponisch) oder feinen Nebel (aeroponisch). Bei der aeroponischen Anbauweise werden die Pflanzen so fixiert, dass ihre Wurzeln in der Luft hängen und mit dem Nährstoffnebel bedampft werden können. Bei der hydroponischen Methode stehen die Pflanzen in wassergefüllten Behältern und sind mit Steinwolle oder Kokosfasern fixiert. Das Bewässerungssystem ist ein geschlossener Kreislauf.
Aquaponik
Aquaponik meint die Kombination aus Fischzucht und Gemüseanbau. Hierbei werden Fische in Becken mit geschlossenem Wasserkreislaufsystem gehalten. Die Ausscheidungen der Fische düngen die hydroponisch kultivierten Nutzpflanzen, welche wiederum das Abwasser der Fische filtern. Übrigens: Aquaponik ist kein neues Konzept. Auf der indonesischen Insel Bali züchten Landwirte seit über 1000 Jahren erfolgreich Fische und Enten auf überfluteten Reisfeldern.
Smart Farming
Beim sogenannten Smart Farming handelt es sich weniger um eine eigenständige Variante der urbanen Landwirtschaft als um zukunftsorientierte Technologien, die beim Anbau von Nutzpflanzen im innerstädtischen Raum zum Einsatz kommen. Zum Beispiel spielt Künstliche Intelligenz eine wichtige Rolle bei Vertikaler Landwirtschaft, Aquaponik und Hydroponik. Die KI steuert unter anderem Beleuchtungssysteme, Bewässerung, Raumtemperatur und Nährstoffgehalt.
Erfolgreiche Beispiele für Urban Farming
Deutschland
Garnelenzucht in Wunstorf
In Deutschland steckt die urbane Landwirtschaft noch in den Kinderschuhen - wirtschaftlich erfolgreiche Beispiele sind rar. In Wunstorf bei Hannover züchtet das Start-Up Aquapurna auf einem ehemaligen Kalibergbau-Gelände nachhaltige Garnelen. Mit 18.000 Quadratmetern ist die Anlage Europas größte Garnelenzucht. Solarstrom und eine Kreislauftechnik, die das Wasser fast komplett wieder aufbereitet, zahlen auf die Nachhaltigkeit ein.
Prinzessinnengärten in Berlin
2009 eröffneten die Berliner Prinzessinnengärten. Auf einer 6000 Quadratmeter großen Brachfläche im Stadtteil Kreuzberg-Friedrichshain werden Obst und Gemüse angepflanzt. Die Besonderheit: Die Pflanzen wachsen in Kübeln, alten Badewannen und Säcken, damit die innerstädtischen Farmer bei Bedarf mit ihrem Garten umziehen können. Dieses Projekt dient jedoch eher der Selbstversorgung und dem Gemeinschaftsgefühl als dem kommerziellen Erfolg.
Aquaponik in Berlin-Schönefeld
Eine echte Urban Farm befindet sich in Berlin-Schönefeld. Dort kombiniert das Unternehmen ECF die Zucht von Barschen mit der Produktion von Kräutern, Salaten und Tomaten. Die Erzeugnisse vertreibt das Unternehmen an den lokalen Lebensmitteleinzelhandel. Auch Gastronomen und Catering-Unternehmen beziehen die Lebensmittel.
International
Sky Greens Singapur
Im internationalen Bereich gibt es etliche Länder, die beim Urban Farming eine Vorreiterrolle einnehmen. Vor allem in Asien gibt es viele erfolgreiche Unternehmungen. Die Sky Greens in Singapur ist beispielsweise eine vertikale Farm, in der über 100 bis zu neun Meter hohe Aluminiumregale mit Gemüsepflanzen rotieren, um eine bestmögliche Lichtausbeute zu erzielen. Auf diese Weise kann der Stadtstaat einen Teil seines Bedarfs an Gemüse selbst produzieren.
London
Etwa 30 Meter unter der Erde baut ein Unternehmen in einem ehemaligen Luftschutzbunker Gemüse an. Die Gründer setzen auf sogenannte Microgreens, also Gemüse, das besonders früh geerntet wird und als Beilage oder Salat-Topping serviert wird. Auf Teppichmatten gedeihen Fenchel, Wasabi, Koriander und Senfblätter.
Paris
Das Dach der Pariser Expo Porte de Versailles dient als Vorzeigeprojekt der urbanen Lebensmittelproduktion. Auf 14.000 Quadratmetern wachsen in vertikaler Anbauweise über 30 verschiedene Obst-, Kräuter- und Gemüsesorten, die an die lokalen Supermärkte, Restaurants und Hotels verkauft werden. Die Nutzpflanzen werden in aeroponischer Anbauweise kultiviert.
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Welche Vorteile bietet Urban Farming?
Wichtigster Vorteil der urbanen Landwirtschaft gegenüber der konventionellen Landwirtschaft ist die Platzersparnis. Besonders durch das Vertical Farming lässt sich das Maximum an Anbaufläche auf räumlich begrenzten Räumen herausholen - in eng bebauten Metropolen ist das von unschätzbarem Wert.
Studien zufolge sind bei der urbanen Landwirtschaft die Erträge deutlich höher. Dank der optimalen Bedingungen bei Licht, Temperatur und Bewässerung gedeihen Gemüse, Obst und Kräuter bis zu zehnmal besser als auf dem Feld unter freiem Himmel. Zudem kann mehrmals im Jahr geerntet werden.
Innerstädtische Farmen leisten Experten zufolge einen wichtigen Beitrag zu Nachhaltigkeit, Klimaschutz und Umweltschutz. So ist der Wasserbedarf aufgrund der geschlossenen Kreisläufe geringer. Lange Transportwege entfallen und der Einsatz von Dünger ist gering.
Urbane Landwirtschaft stärkt zudem die Unabhängigkeit von globalen Lieferketten. Wissenschaftler gehen davon aus, dass klimatische Veränderungen und der Kampf um natürliche Ressourcen in Zukunft zu Spannungen zwischen Nationen führen werden und bestehende Lieferketten zerbrechen. Wer Lebensmittel lokal produziert, sichert sich dagegen ab.
Welche Herausforderungen bringt Urban Farming mit sich?
Bei allen Vorteilen birgt die urbane Landwirtschaft auch einige Herausforderungen. So ist der Anbau von Nutzpflanzen in Gebäuden sehr energieintensiv - was in Zeiten steigender Energiepreise kritisch zu sehen ist. Die Investitionskosten für die Einrichtung von Urban Farming-Anlagen sind ebenfalls sehr hoch. Auch müssen geeignete Gebäude oder Brachflächen zur Verfügung stehen.
Die in der abgeschotteten Umgebung kultivierten Nutzpflanzen sind zudem anfälliger für Krankheiten als die unter freiem Himmel wachsenden Verwandten - oft hilft in so einem Fall nur der Einsatz chemischer Produkte.
Vielfach wird Urbanes Farming als Lösungsansatz zur Bekämpfung des Welthungers angesehen. Dazu muss man jedoch wissen, dass sich nicht alle Pflanzen dafür eignen. Weizen, Reis oder Mais als Grundpfeiler der globalen Ernährung gedeihen besser auf Feldern.
Fazit: Urban Farming: Ein Konzept mit Zukunft
Mit dem voranschreitenden Klimawandel nimmt die Fruchtbarkeit der Böden ab und Missernten treten häufiger auf. Um den Welthunger zu bekämpfen und Landwirtschaft nachhaltiger zu gestalten, gewinnt Urban Farming an Bedeutung. Das Konzept der innerstädtischen Landwirtschaft steckt zwar noch in den Kinderschuhen, könnte aber langfristig diese Herausforderungen bewältigen.
Bilder: Adobe Stock